liebesgeschichten

Bettina Hennig: Luise - Königin aus Liebe - die bisherigen Folgen:

Liebesgeschichte

Eine junge Prinzessin wird an Weihnachten 1793 an den preußischen Königshof verheiratet und gerät in eine Verwirrung der Gefühle. - Ein historischer Liebesroman, der im detailreich ausgeleuchteten Millieu des Hochadels spielt. Gekonnt erzählt von der Autorin und Journalistin Bettina Hennig.

1 - “Zum Vergnügen sind wir hier, nur zum Vergnügen!”

Frankfurt am Main, 14. März 1793

Raus! Und ihr kommt erst wiede’ rein, wenn ihr zur Vernunft gekomme’ seid! ich möchte solche Szene’ nich’ noch ma’ erlebe’!” 

Großmutter Scho’sch zog – wie immer, wenn sie tadelte – ihre Linke mit vollem Schwung nach oben und richtete den Zeigefinger auf, wobei die mit Diamanten besetzten Reifen an ihrem arm gefährlich klapperten. Obwohl die Mädchen wussten, dass dies eine gebärde war, die nicht nur Zurechtweisungen, sondern auch Schläge androhte, versuchte Luise angesichts der Tatsache, dass sich in ihrer kleinen Abendgesellschaft heute auch Polyxene befand, die immer ein gutes Wort für alle übrig hatte, das Schicksal herauszufordern: 

“Ja, aber …” 

“Keine Wiede’worte!” Der arm der Großmutter wies in Richtung Ausgang. “aber warum ich? ich habe doch nichts …” “Was hab’ ich gesagt?” auch bei Friederike blieb sie ungnädig. 

Großmutter Georg, wie sie von allen in ihrer Umgebung genannt wurde – wobei man das “Georg” zu einem von hessischer Mundart geprägten “Scho’sch” verschliff –, hieß eigentlich Maria Luise Albertine von Hessen-Darmstadt. Weil sie jedoch niemals duldete, dass man ihr widersprach, ihre Haltung so gerade war wie bei einem Gardeoffizier und sie allein mit dem Rasseln ihrer Armbänder jedermann Respekt abtrotzte, nannte man sie – und zwar keineswegs nur hinter ihrem Rücken! – beim Vornamen ihres Mannes. es gab keinen Zweifel darüber, wer in der Nebenlinie des Hauses Hessen-Darmstadt, der sie angehörte, die Hosen anhatte. Und dass ihre beiden Enkelinnen es gewagt hatten, dies jetzt und hier, in der zweitteuersten Loge, die das Frankfurter Komödienhaus zu bieten hatte – also in aller Öffentlichkeit und allerfeinster Gesellschaft –, in Frage zu stellen, hatte die alte Dame in einem Maße aus der Haut fahren lassen, wie sie es eigentlich nie zu tun pflegte. Sie hatte schließlich einen Ruf zu verlieren. 

Still bewegten sich die beiden Mädchen zur Logentür. Doch während Luise an der Großmutter vorbeischritt wie eine Fürstin des russischen Großreichs und sie keines Blickes würdigte, gab Friederike ganz das leidende Gegenteil ab und wischte sich – getroffen von der Ungerechtigkeit, die ihr wieder einmal widerfahren war – eine kleine träne aus dem Augenwinkel. 

Diese anklagende Geste entging der Scho’sch natürlich nicht, und sofort bemächtigte sich ihrer ein Strom aus innerer Rechtfertigung. Denn es war Luise gewesen, die sich wieder einmal nicht hatte mäßigen können, und nicht Friederike, über die es grundsätzlich wenig Grund zur Klage gab, weil sie immer brav und liebenswürdig war. aber, sagte sich die Großmutter, besser ein Machtwort mehr als eines weniger, und so setzte sie noch einmal nach: “… und wenn ihr wiede’kommt, dann erwa’te ich eine Entschuldigung bei Tante Polyxene!” 

Als sie das sagte, bemerkte sie Kümmelmann, der hinten an der Tür vor sich hingedämmert hatte, bei ihren Worten hilflos aufgeschreckt war und nun nach Orientierung suchte. Mit zusammengekniffenen Augen herrschte sie ihn an: 

“Und ihr passt auf sie auf! Damit nich’ noch mehr passiert.” 

Großmutter Scho’sch drückte die Schultern nach hinten und richtete ihr Kreuz kerzengerade auf, damit ihre Haare, die sie nach Pariser art zu einem kleinen Turm aufgebauscht trug, nicht aus der Balance gerieten und sie den Kindern und ihrem Begleiter noch ein Bild ihrer Unantastbarkeit hinterherschicken konnte. Zufrieden sah sie den verwunderten Mädchen nach. Dann fiel die Tür zu. 

Sofort drehte sie sich zu ihrer Nichte. “es tut mir so leid, liebe Polyxene. Diese Mädche’. Sie wachse’ mir echt über den Kopf. ich kann ebe’ zu meinen Enkelinnen nich’ mehr so streng sein wie zu meinen Töchtern. Sie sind heut’ den ganzen tag schon so aufgeregt. Sind halt lang net mehr hier in Frankfurt gewese’ – und schon gar nich’ im Theate’. Die waren ganz närrisch, als ich ihnen davon erzählt hab’. ach, ich hoffe, Sie können ihne’ das nachsehen … Schon auf der Fahrt hierher ware’ sie so wild, dass ich sie am liebsten wieder zurückgeschickt und ihne’ Hausarrest gegebe’ hätte …” 

Großmutter Scho’sch bremste ihren Redefluss, denn beinahe hätte sie sich verplappert. Seit Monaten schon hegte sie einen großen Plan, für den sie alle nur erdenklichen Hebel in Bewegung gesetzt hatte, und die Mädchen jetzt, so kurz vor der Vollendung, nach Darmstadt zu schicken, hätte alle Mühe sabotiert. Sie, die Großmutter Scho’sch, hätte sich nicht nur vor ihrer vielköpfigen Verwandtschaft, ja dem ganzen hohen Stand, dem sie angehörte, ordentlich blamiert, sondern sie wäre auch gänzlich ruiniert gewesen. 

Alles Geld war für die Erziehung der Mädchen draufgegangen, und das silberne Besteck hatte sie bereits verkauft, um ihnen wenigstens das notdürftigste an Ausstattung zu sichern. Denn nicht nur die Kleidung, die täglichen Aufwendungen und das Personal für die Mädchen waren teuer gewesen. Zumal sie alles allein aus ihren kargen Einkünften bestreiten musste, weil Karl von Mecklenburg-Strelitz, ihr Schwiegersohn und der Vater der Kinder, keinen einzigen Sou zum Unterhalt der Kinder beitrug, obwohl er als Gouverneur von Hannover fette Revenuen aus der englischen Staatskasse bezog. Den größten Posten ihres ohnehin überschaubaren Budgets hatte die gute Gélieu ausgemacht, die die ehrgeizige Großmutter eigens zur Erziehung der Kinder aus dem preußischen Neufchâtel zu sich geholt hatte und die ihnen nun täglich wenig Strenge, dafür aber viel Herzensgüte angedeihen ließ. 

Die Vorstellung, bei einem Misslingen ihrer Mission belächelt, gar bemitleidet zu werden, jagte der Scho’sch mehr angst ein, als die Truppen der französischen Revolutionsarmee es je vermocht hatten. Deren Kanonendonner auf Mainz hatte sie von ihrem Balkon am Darmstädter alten Palais aus hören können – weswegen sie sofort mit ihren Enkelinnen ins sächsische Hildburghausen geflohen war, wohin sie Lolo, die älteste Schwester von Luise und Friederike, leider nur wenig vorteilhaft hatte verheiraten können. 

Aber der Krieg und die Flucht waren nichts, nichts, nichts gegen ein Scheitern ihrer gesellschaftlichen Ambitionen – und dafür brauchte sie Polyxene wie die Mistel den Wirt. Denn die hatte Geld, und sie selbst nicht. 

Wenn sich die Mädchen nun ihrer Tante gegenüber nicht mit der gleichen Wohlgefälligkeit zeigten, wie sie selbst es tat, dachte die Scho’sch, wenn sie ihr nicht ständig und ohne Einschränkung den Eindruck gaben, dass sie der beste Mensch der Welt war, dann würde Polyxene ihre Schatulle verschließen, und dann … am liebsten hätte die Scho’sch die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Warum mussten die Mädchen ausgerechnet heute so störrisch sein? Sie waren so widerspenstig, so aufgekratzt, so unbeherrscht, so frech! Wieder bezog sie Friederike in ihr Urteil mit ein, obwohl das für die jüngste ihrer Enkelinnen gar nicht zutraf. 

Um das Gespräch in gang zu halten, lächelte sie ihre Nichte an und fing an, sie zu umgarnen: 

“Aber Sie, meine liebe, liebe Polyxene, sind ja so gut, so gnädig und so geduldig mit den beiden. ich glaube manchmal, dass sie so viel Güte gar nich’ verdient habe’. Sie verwöhnen sie viel zu sehr.” 

In Wahrheit begrüßte die Scho’sch jedes Geschenk, das Polyxene den Mädchen zukommen ließ – wie etwa den Stoff, den sie gerade erst in Lyon bestellt hatte und der, warum auch immer, noch nicht geliefert worden war. 

“Ach … das ist doch selbstverständlich.” 

“Nein, nein, nein!” Der Einspruch der Scho’sch wurde nur von einem leisen Klappern der Armbänder unterstrichen. Ohne auf ihre Würde zu achten, schmierte sie nun ihrer Nichte so viel Honig um den Mund, dass sie schon geneigt war, ihren eigenen falschen Worten selbst zu glauben. Sie tat alles dafür, die unangenehme Lage, in die sie ihre Enkelinnen – wieder schloss sie die kleine Friederike in ihr Urteil mit ein – gebracht hatten, vergessen zu machen und Polyxene das Gefühl zu geben, sie sei die wunderbarste Person auf erden. 

Das Problem an einer Strategie, die Polyxene mit einbezog, zeigte sich allen, die sie kannten. Sie war nämlich überaus schwierig. niemand konnte sie leiden, denn es verging keine Gesellschaft, in der die hässliche alte Dame nicht laut und ausfallend wurde und die Aufmerksamkeit einforderte, die sie glaubte, aufgrund ihrer Großzügigkeit einfordern zu können. aber: Polyxene wusste, dass sie ein Scheusal war, und wie alle Scheusale der Welt bestand sie darauf, dass man ihr das Gegenteil fortwährend bezeugte. Die Aussicht darauf, dass jemand ihr, die wegen ihrer unangenehmen Eigenschaften oft zu einsamen, endlos langweiligen Abenden bei Whist und Likören auf ihren verwaisten Schlössern am Rhein verdammt war, Gesellschaft zu leisten bereit war – mehr noch: sich dieser entgegensehnte und heitere Abende in Aussicht stellte –, war also die Währung, mit der man sich Polyxene gewogen machen konnte. Großmutter Scho’sch zahlte sie gerne. allein, die Mädchen mussten mitmachen. 

Sie schmeichelte ihr deshalb für ihre unendliche Güte, ihre Großtaten, ihre Großzügigkeit, ach, einfach für alles, was sie ihr und den beiden Mädchen in ihrer Hochherzigkeit hatte angedeihen lassen – und wiederholte sich in endlosen Ehrerbietungen, wobei sie keine Scham zeigte, ins Unterwürfige abzugleiten. Dabei zupfte sie wie ein kleines Kind, das nicht aus einer Angelegenheit herausweiß, an einer Schleife ihres Kleides und lenkte damit unwillentlich das Augenmerk auf den erbarmungswürdigen Zustand ihrer Toilette. Der Saum der Ärmel war abgestoßen und nur notdürftig mit Rüschen erneuert, die Röschenformationen ihres Kleides zeigten Lücken, weil einige Verzierungen bereits abgefallen waren, und die Schuhe, die darunter hervorschauten, dicke Flicken und Stopfarbeiten. nur die goldenen Armreifen zeugten noch von den zurückliegenden prächtigen Zeiten, die sie einmal gekannt hatte, aber die waren so lange her wie ihre Jugend. Böse Zungen sagten, vielleicht sogar noch ein bisschen länger. 

Endlich unterbrach Polyxene den Strom der Ehrerbietungen, der aus dem Munde der Scho’sch floss: “De rien, de rien. Bien sûr. Je suis bien heureuse de vous aider …” 

Polyxene fixierte ihre Tante aus wässrigen Augen, unter denen ein Paar dicke Tränensäcke ihr trauriges Dasein fristeten. Sie wollte die stolze alte Dame nicht kritisieren, aber Polyxene verabscheute die Sitte der Scho’sch, Mundart zu sprechen, zutiefst. Sie seufzte. Für sie war es ein Zeichen der Bürgerlichkeit, ja Ländlichkeit, und ein völlig unangemessenes Signal in Zeiten, die unruhig waren und in denen der Adel zusammenhalten musste – und deshalb war sie nicht umhingekommen, ihre Tante zu unterbrechen. ihre Lippen waren deshalb spitz geworden, als sie ihre Beteuerungen in sehr nasal gesprochenem Französisch eingeworfen hatte, aber Großmutter Scho’sch lächelte Polyxene unvermindert freundlich an, wartete gespannt darauf, was ihre Nichte zu sagen hatte, und vermied es dabei, nach den Köstlichkeiten zu schielen, die Polyxene mitgebracht hatte, obwohl sie seit tagen nur von gebutterten Broten gelebt hatte und ihr Magen bereits hörbar knurrte.

Polyxene hatte es sich nämlich zur Angewohnheit gemacht, immer und überall, wohin sie kam, für ausreichend Verpflegung zu sorgen. Das war auch ein Grund, warum die Scho’sch sie schätzte. auf dem kleinen Beistelltisch, der zwischen ihnen stand, drängten sich Brot, Butter, ein glas Foie Gras, kalter Kalbsbraten, eine Pastete von Lauch und Speck, ein Guglhupf sowie ein paar Taler frischer Harzer Roller. Das Zentrum des fröhlichen Ensembles aber bildete eine riesige Flasche Klevner, die Polyxene mit ein paar weiteren, die sie noch in Reserve hielt, eigens für diesen Abend von der Ahr hatte kommen lassen. Denn wann immer sich ihr die Gelegenheit bot, frönte Polyxene ungeniert dem Kult des Bacchus und lud andere dazu ein, es ihr gleichzutun. So auch dieses Mal. 

“Bien, bien. nun trinken Sie doch erst einmal einen Schluck. Und machen Sie sich doch nicht immer solche Sorgen! Man ist doch zum Vergnügen hier und nicht, weil man Pflichten zu erfüllen hätte.” 

Da dachte die Scho’sch freilich anders: ins Theater zu gehen war Pflicht. Manchmal – wenn man die Großzügigkeit von Polyxene auszunutzen gezwungen war und ihre Gesellschaft erdulden musste – sogar eine lästige Pflicht. 

“Zum Vergnügen sind wir hier. nur zum Vergnügen. Wenn da die Mädchen …” 

Wieder fühlte sich die Scho’sch gezwungen, ihre Enkelinnen in Schutz zu nehmen. Sie wollte erst gar keinen falschen Eindruck erwecken. Doch da sie merkte, dass ihr bereits der kleine Schluck Wein, den ihr die Nichte aufgenötigt hatte, zusetzte, griff sie schnell zu einem Stück Kalbsbraten. Zu ihrem Hessisch gesellte sich nun auch die undeutliche Sprache einer essenden. 

“Meine liebe Freundin, es tut mir wi’klich aufrichtig leid …” noch einmal biss sie ab. “Man darf sie nich’ mit zu strengen Augen sehen. Da muss man ein wenig Verständnis aufbringe’ … Unsere gute Gélieu: ich hab’ sie extra für die Erziehung komme’ lasse’. Sie hält es mit dem Rousseau – natur und so, verstehen Sie? ich verstehe ja nich’ so viel von Philosophie, aber die Gélieu ist eine gute Frau. Sie versucht die natürliche’ Anlage’ der Mädche’ zu stärke’. Was immer das heißt: Sie sind ja grundsätzlich lieb und nur heute so fürchterlich aufgeregt …”

Liebesromane Bettina HennigBettina Hennig arbeitete als Filmcutterin und Gesellschaftsjournalistin, bevor sie ihren ersten historischen Roman Luise - Königin aus Liebe schrieb, der sofort zum Bestseller wurde. Zur Zeit forscht Bettina Hennig für ihre Doktorarbeit.

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2 - “Bien, ich will ihnen ein Exempel geben!”

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