Bettina Hennig: Luise - Königin aus Liebe - die bisherigen Folgen:
Liebesgeschichte
Eine junge Prinzessin wird an Weihnachten 1793 an den preußischen Königshof verheiratet und gerät in eine Verwirrung der Gefühle. - Ein historischer Liebesroman, der im detailreich ausgeleuchteten Millieu des Hochadels spielt. Gekonnt erzählt von der Autorin und Journalistin Bettina Hennig.
“Bien sûr!” es war, als ob Polyxene nur auf diese Gelegenheit gewartet hätte. Sie konnte die gute Gélieu nämlich nicht ausstehen und nutzte jede Möglichkeit, die Erzieherin schlechtzumachen. Der Grund für diese Abneigung bestand nicht nur in einer gänzlich gegensätzlichen Auffassung von Erziehung. Während die Gélieu jede art von Etikette ablehnte und etwas vertrat, was sie als “die neuen Ideen” bezeichnete, war Polyxene fest davon überzeugt, dass die Schule des Lebens nur durch das Leben selbst gemeistert werden könne – es also notwendig war, an den großen Höfen Europas durchs Exempel am eigenen Leib zu lernen, was es hieß, ein Mensch von Tugend zu sein. Die Antipathie, die Polyxene gegen die Gélieu hegte, beruhte vielmehr auf einer Rivalität um die Liebe der Mädchen. nicht zuletzt, weil sie bemerkt zu haben glaubte, dass insbesondere Luise sich seit einigen Monaten zunehmend von ihr entfernte. Sie versuchte also, dies der Gélieu anzulasten:
“Bien, die Anlagen seiner Zöglinge zu stärken, ist ein wunderbares Unterfangen. Denn die Natur des Menschen zu fördern, macht ihn frei und damit vollkommen. Mein Aufenthalt in St. Petersburg hat mich das gelehrt. nur ein tugendhafter Mensch kann den gefahren der Eitelkeit widerstehen. in dieser Sache stimme ich übrigens voll und ganz mit Graf Medem überein, mit dem ich darüber einen angeregten Briefwechsel führe.”
Sie betonte diese Bemerkung mit einem Räuspern. aber die Großmutter ging nicht darauf ein. Sie kannte keinen Graf Medem und wusste auch nicht, warum man ihn kennen sollte.
“Allein, wir sind in einer Frage nicht übereingekommen, und da möchte ich wirklich gerne wissen, wie Sie, meine verehrteste Tante, darüber denken: Sind die Untugenden des Menschen ihm bei der Geburt vorgeschrieben, oder werden sie im Laufe des Lebens an ihn herangetragen?”
Großmutter Scho’sch war verwirrt. ihr Blick flackerte. ihr wurde klar, dass Polyxenes Einlassungen nicht auf eine philosophische Debatte hinausliefen, sondern ein konkretes Ziel anstrebten, dessen Richtung sie aber noch nicht erkannte.
“Bien, ich will ihnen ein Exempel geben.” Polyxenes blasierte art zu sprechen forderte die ganze Aufmerksamkeit der Scho’sch. “Wenn wir annehmen, dass der Mensch von natur aus tugendhaft ist, wie kommt es dann, dass – wenn gewisse Einflüsse greifen – ein tugendhafter Mensch plötzlich ein Verhalten an den tag legt, das wenig Tugend zeigt? nehmen wir zum Beispiel … unsere Luise.”
“Was is’ mit Luise?!” Die Worte der Scho’sch zischten wie der Korken aus einer Flasche Champagner.
“aber, liebe Tante – es ist doch nur ein Beispiel, ganz allgemein …”
“Wie meinen Sie das?”
Großmutter Scho’sch versuchte, ihre Nichte durch eine Offensive mundtot zu machen. in Wirklichkeit musste sie Polyxenes Andeutungen Recht geben. Denn die Sorgen, die ihr Luise bereitete, waren durchaus nicht gering. Sie hatte schon die ganze Familie gegen sich aufgebracht: Röschen, die älteste des enkelinnen-
Quartetts, die an den Fürsten von Thurn und Taxis nach Regensburg verheiratet worden war, beklagte sich über Luises Gegenreden. Lolo, die im sächsischen Hildburghausen lebte, beschwerte sich über die Maßlosigkeit ihrer Schwester, die weder beim essen noch bei Geschenken genug bekommen konnte. Onkel Georg zeigte sich verärgert über Luises Naschsucht, und selbst Vater Karl, der sich in der leichtblütigen art seiner Tochter wiedererkannte und sie deshalb sehr liebte, hatte ein paar Bemerkungen über den Aufwand fallen lassen, den seine Tochter neuerdings bei Putz und Toilette machte.
Das Schlimmste an Luises Betragen aber waren nach Meinung der Großmutter Scho’sch diese Mise en Scène und dieser Blick, dieser fürchterliche Blick: Luise sah jeden Mann so an, als ob sie in ihn verliebt sei. Dabei sah sie ihn nicht wirklich an, sondern irgendwie ins Leere, und präsentierte dabei ihre Reize offensiver, als es für jemanden ihres alters schicklich war. Manchmal hatte die Scho’sch den Eindruck, dass Luise mit der kleinen Friederike auf sonderbare Weise rivalisierte. Doch um wen? Um wen konnte es im Leben zweier noch so junger Mädchen gehen?
Die Worte ihrer Nichte rissen sie aus ihren Gedanken.
“Prinzessin Georg! Was räsonieren Sie so lange und lassen mich hier auf eine antwort warten? Wie stehen Sie dazu?”
“Ja, ähm, also … ich mein’, ähm, dass …”
Die Scho’sch wusste nicht, ob der Taumel in ihrem Kopf dem Klevner oder ihrer Befürchtung geschuldet war, dass sich Polyxene über Luise beklagen und ihre Schatulle verschließen könne, sodass sie, die Scho’sch, ihre hochgesteckten Pläne würde begraben können. Sie wollte gerade ansetzen, ihre Enkelin vor ihrer Nichte zu verteidigen, um die Katastrophe abzuwenden. Da aber fuhr diese mit ihren Erörterungen schon fort.
“Also: Wenn man in der Erziehung gewisse Maßstäbe ansetzt, die – wollen wir einmal sagen – nicht den anlagen eines Zöglings entsprechen. Wenn man also, wie soll ich es, ähm, sagen … gewisse Philosophien anzuwenden versucht, die dem Wesen des Kindes widersprechen.”
Das Rasseln von Großmutter Scho’schs Armbändern bedeutete Polyxene, dass ihre Tante schon wieder drauf und dran war, sie zu unterbrechen. Doch diesmal ließ sie es sich nicht nehmen, ihren Standpunkt zu ende zu führen. Der Wein beflügelte ihre Zunge.
“Ach, was rede ich so lange herum? Wir sind ja ganz entre nous, liebste Tante. Da wird man ja mal so ganz allgemein etwas sagen dürfen, so unter Freundinnen. also, ich möchte es kurz machen. ich finde, Luise ist neuerdings sehr fremd gegen mich – und da will es doch einmal erlaubt sein, so ganz allgemein darüber nachzudenken, ob es wirklich gut ist, dass gewisse Einflüsse, also gewisse Methoden, die sich Erziehung nennen …”
Großmutter war verzweifelt und beschloss, die Strategie zu wählen, die bei ihrer Nichte immer erfolg versprach – nämlich die, ihr in allem, was sie sagte oder zu sagen anstrebte, uneingeschränkt Recht zu geben:
“Ähm … ach, ich bin beglückt, liebe Polyxene, dass ihne’ nichts entgeht, was die Entwicklung ihre’ Nichten betrifft. Wie Aufme’ksam Sie doch sind.”
“Es war doch nur ein Beispiel, so allgemein. es geht doch nicht speziell um Luise …”
“Nein, nein. Sie haben einen guten Blick.” allein das Wort brachte die Großmutter ins Schwitzen. “Denn wenn Sie finden, dass Luise plötzlich nich’ mehr so tugendhaft erscheint, dann ließe sich einwenden, dass sie in einem gewissen alter ist …”
“Es war doch nur ein Beispiel, so allgemein …”
Polyxene neigte dazu, ihren Standpunkt zu wiederholen, weil ihr das selbst zur fortgeschrittenen Stunde und nach einigen geleerten Flaschen Sicherheit im Ausdruck verlieh. Für alle anderen war es ein Zeichen dafür, dass sie sich wieder in irgendetwas verbissen hatte. “ein Beispiel. allgemein. es geht nicht um Luise. nur ein kleines Beispiel.”
Großmutter Scho’sch blieb bei ihrer Strategie:
“Nein, liebe Polyxene, da kann ich ihne’, vielmehr: da muss ich ihne’ beipflichten!” Das ›muss‹ zischte.
“Beipflichten! Sie pflichten mir also bei? Sie sehen also auch den schlechten Einfluss, den diese, diese, diese gottlose … Gélieu auf die Mädchen hat?”
Die Scho’sch sah Polyxene überrascht an. Jetzt erst merkte sie, dass es gar keinen Grund zur Aufregung gab. ihr Mund stand offen, ihre arme fielen schlaff herab, ihre Augen formten ein erstauntes Rund. noch bevor Polyxene dem Gespräch eine andere Wendung geben konnte, stieß sie erleichtert aus:
“Ja, ich pflichte ihnen bei, meine Liebe. Denn es gibt keine wie Sie.”
Dann prostete sie ihrer Nichte zu, trank auf ihr Wohl und machte sich, ohne zu zögern, über die mitgebrachten Köstlichkeiten her. erst als sie den Teller mit dem Guglhupf wieder absetzte, vernahm sie aus der hintersten Reihe der Loge, die gänzlich im Dunkeln lag, ein zartes Hüsteln. erschrocken drehten sie und Polyxene sich um: Dort saß, wie zur Salzsäule erstarrt, die gute Gélieu, die Scho’sch über dem Wein, den Delikatessen, ihrem Hunger, ihren Schmeicheleien, aber vor allem über der Sorge um die Zukunft ihrer Enkelinnen völlig vergessen hatte.
Polyxene donnerte ihr glas unbeherrscht auf den Tisch.
“Mabuscha, Mabuscha, guck mal, wir haben Onkel Georg getroffen!”
“Babuscha, Onkel Georg is’ hier!”
Im nu füllte sich die Loge mit Leben.
“Mabuscha! nun sieh doch!”
“Babuscha! er war im Foyer!”
Stolz blickte Großmutter Scho’sch an ihrem Sohn hoch, dessen imposante Uniform der Hessisch-Darmstädter Reiterei ihr Gesichtsfeld unvermittelt ausfüllte. Luise und Friederike, die sich von hinten eng an ihren Onkel gedrängt hatten, schoben ihn ein Stück mehr in Richtung Großmutter. nur im letzten Moment konnte Kümmelmann, dem die beiden Mädchen entwischt waren und der nun atemlos folgte, das kleine Beistelltischchen, das schon gefährlich ins Wanken geraten war, dem Gedränge entreißen, bevor er neben der Gélieu Platz nahm.
Georgs milder Bariton übertönte den Aufruhr: “Verehrteste Mutter, es ist mir eine Überraschung, Sie heute Abend hier zu sehen.”
Das war natürlich gelogen. Denn das treffen war von langer Hand geplant, und die Großmutter hoffte, nun endlich von ihm die Nachricht übermittelt zu bekommen, auf die sie so lange gewartet hatte. Die Scho’sch nickte gönnerhaft, da wandte sich georg bereits seiner Cousine Polyxene in alleruntertänigster Aufwartung zu, wozu er von seiner Mutter – am Nachmittag bereits! – mit Nachdruck angehalten worden war.
“Ahhh, liebe Polyxene, wie schön …”
Mit einem vollendeten Diener beugte er sich zu ihr herab und schickte sich gerade an, sie mit einem Handkuss zu ehren, als Luise die enge zwischen ihm, seiner Mutter, Polyxene und dem Tischchen passieren wollte. Sie raffte ihren ausladenden Rock, balancierte auf Zehenspitzen zwischen den dreien hindurch – und trat schließlich, aus Erleichterung darüber, nichts zu Fall gebracht und endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, mit voller Wucht auf. Dabei traf sie unglücklicherweise den Fuß ihres Onkels, der sich vor Schreck auf die Zunge biss. Sein Schmerz entlud sich in einem hilflosen Lispeln, als er seine Cousine ansprach:
“Meine liebe Polysene! Wels eine Überrassung!”
Schnell ließ er Friederike durch, um Zeit zu gewinnen und seinen Mund mit einem tiefen Atemzug zu kühlen. er sog die Luft ein und stieß sie langsam und portioniert wieder aus, damit auch ja jeder Hauch seinen Dienst tun konnte. nach einer zweiten Brise spürte er schon eine gewisse Linderung, und nur aufmerksame Zuhörer konnten merken, dass eine ungewohnte Behinderung seine sonst flüssige Rede beeinträchtigte.
“Was für eine Freude! iss kann es gar nisst fassen! Was verssafft uns die ehre, Sie hier in Frankfurt begrüßen zu dürfen?”
nur ihm und der Großmutter war klar, dass diese ehre auf ihrer prall gefüllten Schatulle beruhte und ihr sofort entzogen würde, falls sie gedachte, diese zu schließen. Zu seinem großen Unglück ging Polyxene jedoch nicht auf seine Frage ein, sondern verwickelte ihn in die Erörterung, ob die natur des Menschen gut oder schlecht sei und ob Erziehung die natur fördere oder ihr entgegenstehe. Sie betonte – wieder mit einem Räuspern –, dass sie mit dem Reichsgrafen Medem da auch noch nicht zu einer Meinung gekommen sei.
Bettina Hennig arbeitete als Filmcutterin und Gesellschaftsjournalistin, bevor sie ihren ersten historischen Roman Luise - Königin aus Liebe schrieb, der sofort zum Bestseller wurde. Zur Zeit forscht Bettina Hennig für ihre Doktorarbeit.
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