liebesgeschichten

Astrid Martini: Der Schneekönig - die bisherigen Folgen:

Liebesgeschichte

Ein Liebesroman von Bestseller-Autorin Astrid Martini - Amelie will ihren Bruder retten. Der ist in das Reich des gefährlichen Schneekönigs geraten. Doch es bleiben Amelie nur sieben Tage, um das gefrorene Herz des Schneekönigs zu schmelzen. Sonst werden ihr Bruder und sie selbst erfrieren ...

3 - Die Herrscherin der Kälte

Nachdenklich schlug Amelie den Weg zum Dorf ein, überquerte einen halb überwucherten Bachlauf und lief eiligen Schrittes die Böschung hinab, bis die Wiesen und Weiden hinter ihr zurückblieben und die ersten Häuser zum Greifen nahe schienen. Sie überquerte verwinkelte Gassen in Richtung Marktplatz und erkannte auf den ersten Blick, dass etwas nicht stimmte. Irgendetwas war anders als sonst, auch wenn sie es nicht erfassen und beschreiben konnte.

Inmitten des Marktplatzes stand eine hohe Birke, daneben befand sich der uralte Dorfbrunnen. Eine Handvoll Frauen saß auf der Brunnenmauer, doch statt sich wie sonst einem angenehmen Plauderstündchen hinzugeben, steckten sie hektisch ihre Köpfe zusammen und tuschelten aufgeregt. Und die Leute, die sich sonst um diese Stunde des Vormittags bei der Arbeit in der Schmiede, den Werkstätten, der Weberei, Näherei und der Molkerei befanden, hatten sich nun in Gruppen vor der Dorfkirche versammelt, aufgeregt gestikulierend und unheilvoll raunend.

Der Bürgermeister von Birkenfels, ein stämmig gebauter Mann, teuer gekleidet, mit goldenem Geschmeide, das auffallend und im Überfluss um seinen Hals lag, stand inmitten des hektischen Treibens. Als er Amelie erblickte, hob er die mit zahllosen Ringen bestückte Hand, kam aufgeregt auf sie zu.

Von allen Seiten trafen sie finstere Blicke, nichts Ungewohntes für sie, denn sie war nicht besonders beliebt. Amelie galt als eigensinnig, dickköpfig und kratzbürstig.

Man duldete sie im Ort, in dem sie seit Jahren den Haushalt für sich und ihren Bruder Simon führte, seit ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen waren. Bis auf ihren Bruder hatte sie keine weiteren Verwandten. Dieser hatte sich als Tischler selbständig gemacht und war, im Gegensatz zu ihr, allseits beliebt und gern gesehen. Besonders die Mädchen des Dorfes waren ihm fast schon unterwürfig zugetan, erlagen seinem Charme reihenweise und lasen ihm seine Wünsche von den Augen ab.

Amelie konnte ihn inmitten der Menschenmenge nicht entdecken, obwohl er sich sonst stets unter das Volk mischte, wenn der Marktplatz bevölkert war und es etwas gab, das die Beschaulichkeit des Ortes aus dem Dornröschenschlaf riss.

Das große Doppeltor seiner Tischlerei stand offen, erlaubte den Blick ins Innere. Holz, Werkbänke, Hobel und eine Taube, die gemächlich durch die auf dem Boden liegenden Holzspäne stolzierte Amelie runzelte irritiert die Stirn. Normalerweise ließ ihr Bruder seine Werkstatt nicht aus den Augen oder verriegelte zumindest das Tor.

Ihr Blick wanderte nach links zur Backstube, in der die Bäckersfrau und ihr Mann mit Teigrolle, Mehl, Eiern und Formen für Gebäck hantierten. Der Duft von frisch gebackenem Brot und Teigwaren durchzog die Luft. Doch davon hatte sich Simon anscheinend nicht locken lassen, denn auch dort war keine Spur von ihm zu sehen.

Mittlerweile hatte der Bürgermeister sie erreicht. Er wollte gerade das Wort an sie richten, da entdeckte Amelie einen Gegenstand aus Metall auf dem Boden. Ein Schlüssel. Der Schlüssel zur Tischlerei, wie sie bemerkte, denn sie erkannte den Schlüsselanhänger aus Filz.

Sie ignorierte den Gesprächsversuch des Bürgermeisters und bückte sich, um den Schlüssel aufzuheben, als ihr jemand zuvorkam. Blitzschnell schoss eine Hand vor, legte sich über den Schlüssel und riss ihn vom Boden hoch.

Als Amelie aufschaute, stand Simon vor ihr und hatte die Hand um den Schlüssel zur Faust geballt. Er verzog die Mundwinkel – jedoch nicht zu einem Lächeln, sondern zu einer eiskalten Grimasse. Amelie erschrak und erhob sich. Ihr Bruder war eine Frohnatur, negative Gefühle waren ihm fremd, und ihr war er besonders herzlich zugetan. Und nun dieser frostige Blick, der sie bis ins Mark erschauern ließ.

„Was …“, setzte sie an, brach aber sofort ab, denn ihr Bruder spuckte ihr vor die Füße, wandte sich ab und ließ seine Schwester sprachlos zurück.
Eine sonderbare Veränderung schien mit ihrem Bruder vorgegangen zu sein. Eine Veränderung, die ihn wie eine Mauer aus Eis umgab.

Die Dorfbewohner, die die Szene beobachtet hatten, begannen erneut zu tuscheln. Und dann endlich gelang es dem Bürgermeister, die Aufmerksamkeit Amelies zu erlangen. Er begann von der in kostbare Gewänder gekleideten Dame zu erzählen, die, in gleißendes Licht getaucht, am Morgen urplötzlich auf dem Marktplatz gestanden, ihren Bruder aufgesucht, und ihm einen alten Spiegel gebracht hatte. Stundenlang sei sie bei ihm in der Werkstatt gewesen. Ihr glockenhelles Lachen war durch das geschlossene Tor bis zum Waldrand hin zu hören gewesen, und ein kalter Nebel sei aufgezogen. Niemand hatte die weiß gekleidete Frau wieder fortgehen sehen, jedoch hatte jeder gespürt, welche Veränderung seitdem mit Simon vorgegangen sei.

Amelie erfuhr von wilder Zerstörungswut und wüsten Beleidigungen ihres Bruders den Mitbürgern gegenüber. Von Kunden, die er grundlos vor die Tür gesetzt und beschimpft hatte, weil er seine Ruhe haben wollte, von in Tausend Scherben zerbrochenes Geschirr, weil eine der Töpferinnen ihn freundlich gegrüßt und ihm dies missfallen hatte. Ja, er hatte gar sämtliche Tulpen, auf die sich seine Schwester jedes Jahr so freute, aus dem heimatlichen Garten herausgerissen.
All das, was ihn charakterlich immer positiv auszeichnete, hatte sich zum Negativen gewandelt. Aus einem fröhlichen, unbeschwerten und stets zuvorkommenden jungen Mann wurde ein ungehobelter, übel gelaunter Zeitgenosse, der nur eines im Sinn hatte: Zerstören!

Simon stand im offenen Tor seiner Werkstatt. Funkelnde und keineswegs freundliche Blitze schossen aus seinen Augen, fixierten Amelie und den Bürgermeister. Noch einmal kreuzte sein Blick den seiner Schwester, dann wandte er sich ab, eilte in seine Werkstatt und schlug das Tor laut krachend hinter sich zu.

Nun hatte sich auch Simon unbeliebt gemacht, den Unbill der Dorfbewohner auf sich gezogen, und das auf eine Art und Weise, die Amelie das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Man sollte euch aus dem Dorf jagen“, fauchte eine Wäscherin im Vorübergehen, stellte einen Eimer neben dem Brunnen ab und gesellte sich zu den anderen Frauen.

Amelie nahm die empörten Rufe aus der Menschenmenge nur am Rande wahr.

Die Blicke der Dorfbewohner ignorierend schritt sie zur Werkstatt, begann entschlossen gegen das Tor zu hämmern. Laut rief sie nach ihrem Bruder, aber nichts rührte sich.

„Was ist los mit dir? Und wieso lässt du mich nicht rein?“

Keine Antwort.

„Simon, so rede doch mit mir. Mach auf, bitte! Ich mach mir Sorgen.“

Noch immer blieb es still in der Werkstatt.

Amelies Unruhe wuchs. Was zum Teufel ging hier vor?

Die verwunderten und argwöhnischen Blicke der Dorfbewohner, die sich im Halbkreis um sie versammelt hatten, spürte sie wie Nadelstiche.

Erneut pochte sie gegen das Tor, rief immer wieder seinen Namen.

„Verschwinde“, hallte es schließlich zurück. „Du nervst. Ich will dich nie wieder sehen.“

Der Schmerz, der in ihrem Innern wuchs, war entsetzlich. Was sagte er da? Und wieso? Nie hatten sie gestritten, waren stets ein Herz und eine Seele gewesen.
Ihren Kummer hätte sie nicht in Worte zu fassen vermögen, so überwältigend, allumfassend erschien er ihr.

Sie hatte das Gefühl, als sei die Mauer, die Simon um sich herum zu bauen begann, zu einem unüberwindbaren Hindernis geworden. Kälte stieg in ihr auf, eisige Kälte, die ihre Adern unangenehm durchflutete. Alles erschien ihr dunkel und traurig.

Waren bis dahin noch alle Blicke auf sie gerichtet, so änderte sich das schlagartig, als der Hufschlag eines mächtigen Pferdes durch die Wälder rings um Birkenfels hallte. Das Gemurmel der Dorfbewohner verstummte … bis auf die trommelnden Hufe war nichts zu hören. Selbst die Amseln brachen ihr liebliches Frühlingslied ab.

In der Ferne sah man weiße, schimmernde Schemen zwischen den Bäumen dahinziehen, gefolgt von einem funkelnden Gefährt.

Von einer Sekunde zur anderen überzog sich der Himmel mit schweren Wolken. Blitze zuckten, und dann, nach einem kurzen Moment Dunkelheit und windgepeitschtem Schneefall, brach Sonnenlicht hervor, liebkoste das von der plötzlich eingebrochenen Kälte erzitterte Dorf und ließ schließlich keine Spur dieses kurzen, aber heftigen Unwetters zurück.

Bald darauf kam ein prächtiger Schimmel vor der Tischlerei zum Stehen und mit ihm ein blendend weißer Schlitten, der den Boden nicht zu berühren schien. In der Sonne glitzernde Schmucksteine schmückten das opulente Gefährt, das mit kornblumenblauem Samt ausgeschlagen war.

Die Frau, die wie dahin gegossen im Schlitten saß, war schön, wunderschön. Ihr langes Haar schimmerte silberblond. Ihr Haupt wurde von einem Kranz aus weißen Lilien geschmückt, und jedes einzelne Blütenblatt war mit einer Perle verziert. Sie trug nichts, außer einem schneeweißen Pelzmantel, der halb offen stand. Die rosigen Lippen waren voll und einladend, und ihre Haut so zart und weiß wie Milchcreme.

Das flimmernde Sonnenlicht spiegelte sich in ihren eisblauen Augen und auf ihren vollen Brüsten, die unter dem weichen Pelz hervor blitzten. Sie war so schön und fein – und wirkte doch gleichzeitig kalt wie Eis. Die Augen blitzten wie zwei klare Sterne, aber es war keine Wärme in ihnen.

Der kostbare Mantel, wie aus Millionen sternartiger Flocken zusammengesetzt, lag sanft und aufreizend um ihre Schultern. Der blumige Duft, der sie umgab, verteilte sich wellenförmig und kroch in jeden Winkel des Dorfes.

Wie gebannt starrte ein jeder sie an, unfähig, sich vom Fleck zu rühren.

Das wohlklingende Lied, das sie zu singen begann, untermalte den Zauber, der von ihr ausging, und kaum hatte sie begonnen, flog auch schon das Tor der Tischlerei auf und Simon eilte heraus, geradewegs in die Arme der fremden Schönheit. Mit entrücktem Blick kniete er neben ihr auf der großen Sitzbank, wo sie, auf einen Ellbogen gestützt in einem Blütenmeer badete. Als er den Pelz noch ein Stück weiter beiseiteschob, ihre nackten Hüften umfasste und sich vorbeugte, um seine Lippen gierig an ihrem Hals zu vergraben, lachte sie triumphierend auf. Seine Hände umfuhren immer wieder die Konturen ihrer weichen Brüste, wagten es aber nicht, die einladenden Brustwarzen zu erkunden.

Wie gelähmt musste Amelie mit anschauen, wie diese Frau ihren Bruder mehr und mehr in ihren Bann zog, wie sie nichts außer Simon und seine heißen Küsse, mit denen er nicht sparte, wahrzunehmen schien.

Amelie spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Angst kroch durch ihr Herz, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren und breitete sich ebenso brennend in ihrem gesamten Körper aus wie der Wunsch, Simon aus den Klauen dieser Person zu befreien. Doch sie konnte sich ebenso wenig rühren wie jeder andere, der wie festgefroren auf dem Marktplatz stand.

Das ist sie ... die Schneekönigin … hörte Amelie es ringsherum wispern.

Die Herrscherin der Kälte und des Eises …

Fortsetzung folgt

Liebesromane Astrid MartiniAstrid Martini, geboren 1965, absolvierte eine Ausbildung zur Erzieherin. Inspiriert von ihrer Arbeit, entstanden zahlreiche Geschichten, Gedichte und Lieder für Kinder. Ende 2003 entdeckte sie ihre Vorliebe für erotische Liebesromane und schrieb zwischen 2003 und 2006 mehrere erotische Heftromane. Im Jahr 2006 erfolgte der große Durchbruch als Autorin mit ihrem Bestseller Zuckermond, der heute zu den modernen Klassikern der Erotikliteratur gezählt wird. Seit 2001 lebt Astrid Martini zusammen mit ihrem Lebensgefährten und mehreren Katzen im Norden von Berlin. Wir veröffentlichen obigen Text mit freundlicher Genehmigung des Plaisir d'Amour-Verlags, der viele Bücher von Astrid Martini publiziert.

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Die Reihe "Astrid Martini: Der Schneekönig" - alle bisherigen Folgen

Die erste Romanfolge der Reihe stehen in der Liste oben, die neueste Romanfolge steht unten.

1 - Leid, Angst und eisige Nächte
2 - Ihre Finger strichen über seine Lippen
4 - Alles in ihm verzehrte sich nach ihr ...

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